In einem regen Gedankenaustausch mit mehreren Kollegen über viele Wochen hin gelang es den Ursprung des Namens über viele Stationen mit verwirrend vielen Schreibweisen des Namens bis auf das Jahr 1834 zurück zu verfolgen.
An dieser Stelle sei allen Beteiligten vielmals gedankt für die Mühen und die Zeit, die sie aufgewendet haben.
Um die Hauptseite lesbarer zu gestalten habe ich dort nur das Ergebnis der
langen Suche aufgeführt und den "chronologischen" Fortgang
in dieser separaten Seite aufgeführt:
Erstes Leserecho von Thomas Loeken:
Der Krater (Gutenberg) ist mir
neulich zweimal auf älteren Monddarstellungen begegnet. Einmal auf einer
Karte von Neison (um 1900 ?), zum anderen auf einem Mondglobus von Lade (1897).
In beiden Fällen war die Schreibweise 'Guttenberg'.
Edmund Neison
(eigentlich Neville) gab 1876 das erste detaillierte Buch
über den Mond in englischer Sprache heraus (The Moon and the Condition
and Configurations of its Surface), inklusive einer Mondkarte, die im
wesentlichen eine Revision der Mappa
selenographica von W. Beer und J.H.
Mädler von 1837-8 darstellt. Es ist daher zu vermuten, daß der
Krater den Namen Gut(t)enberg schon mindestens seit dem Beginn des 19.
Jahrhunderts trägt.
(Heinrich) Eduard von Lade (1817-1904) war ein Amateurastronom aus Geisenheim am
Rhein, nach dem ein
Mondkrater und der Asteroid (340)Eduarda
(siehe auch
"Mainzer" Kleinplaneten) benannt wurden. Unter seiner Anleitung
modellierte Rudolf Dietz 1897 einen Reliefglobus
des Mondes, der im
Heimatmuseum von Wiesbaden-Naurod ausgestellt ist.
Zweites Leserecho von Thomas Loeken:
Gutenberg läßt sich noch
weiter zurückverfolgen : In Meyers Konversationslexikon von 1909 ist eine
Mondkarte nach Lohrmann, die "Guttemberg" zeigt. Lohrmanns Karten
sind aus der Zeit 1824 bis in die 1830er.
W.G. Lohrmann teilte seine Karte in 25 Sektionen, zu seinen Lebzeiten konnte
er aber nur 4 veröffentlichen, die nur den mittleren Teil abbilden, also
das Gebiet des Kraters Gutenberg nicht enthalten (Topographie
der sichtbaren Mondoberfläche, 1824). Erst 38 Jahre nach dem Tod
Lohrmanns gab J.F.J. Schmidt das Gesamtwerk heraus (Mondkarte in 25
Sectionen und 2 Erläuterungstafeln, 1878). Allerdings
berücksichtigte er die in den letzten 50 Jahren vorgenommenen
Namensgebungen, sodass der Name "Guttemberg" (leider) nicht
unbedingt schon auf Lohrmanns Originalzeichnungen stehen muss.
Blagg and Müller stützten sich für die IAU-Listen auf die Werke von Neison, J.F.J. Schmidt (Charte der Gebirge des Mondes, Berlin 1878) und Beer/Mädler. Die Karte von Schmidt bestand aus 25 Blättern, die im Photolithographie-Verfahren vom Verlag des Preussischen Generalstabs gedruckt wurden, und den Höhepunkt der Selenographie des 19. Jahrhunderts darstellt. Sie führt über 33000 Krater auf, darunter auch den Krater Gutemberg (siehe Inconstant Moon Index of Features).
Drittes Leserecho von Thomas Loeken:
Zuschrift von A. Maurer, Feldmeilen, Schweiz:
Herr Maurer, der in den
Acta Historica Astronomiae: Vol. 1 einen Beitrag zur Mondkarte von
Beer/Mädler veröffentlicht hat, schreibt, daß (seiner Meinung
nach) der Name Guttemberg schon von älteren Mondkarten übernommen
wurde, sich vielleicht sogar schon 1651 auf P. Grimaldis Mondkarte im oben
erwähnten "Almagestum Novum" von G.B. Riccioli findet.
Hat ein Leser Zugang zu dieser Karte?
Pater J. Macdonnell von der University of Fairfield, der die Web-Seiten mit
nach
Astronomen des Jesuitenordens benannten Mondkratern betreut,
konnte den Namen Gutenberg auf der Karte von Grimaldi nicht finden! Eine
Namensgebung durch Beer/Mädler erst 1837 ist auch deshalb wahrscheinlich,
da Gutenberg lange ziemlich vergessen war und erst etwa seit der
französischen Revolution wieder stärker ins Bewusstsein rückte
(Dies ist auch das Jahr der Errichtung des Denkmals von B. Thorvaldsen in
Mainz.).
Es sei angemerkt, daß der benachbarte Krater Goclenius schon auf
Riccioli/Grimaldi zurückgeht. Er ist nach dem Marburger Arzt, Physiker,
Mathematiker Rudolf (Gockel) Goclenius dem Jüngeren benannt, der von
1572 bis 1621 lebte. (Vierte Zuschrift Th. Loeken)
Am Beginn des oben zitierten Abschnitts § 407 in Beer/Mädlers Beschreibung der Umgebung des Mondkraters Gutenberg findet sich: (Mons Caucasus H.). Dies bezieht sich auf die weiter oben zitierte Selenographia von J. Hevelius aus dem Jahre 1647. Die Grundlage dieser Nomenklatur (die sich nicht durchsetzen konnte) bildete eine entfernte Ähnlichkeit der hellen und dunklen Felder auf dem Mond mit Karten des Mittelmeeres und Umgebung (siehe Figure 2 in The 1645 Lunar Nomenclature of Johannes Hevelius.). Die Montes Pyrenaeus (mit dem Krater Gutenberg) zwischen dem Mare Nectaris und dem Mare Fecunditatis werden bei Hevelius dem Gebirgszug des Kaukasus zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer zugeordnet.
Ergänzende Zuschrift von A. Maurer, Feldmeilen, Schweiz:
Bei einem genaueren Studium der Selenographie von Beer/Mädler folgt aus
den Seiten 29 und 35, daß der Name Guttemberg tatsächlich zuerst
von diesen Autoren eingeführt wurde.
Beer/Mädler zeichneten den Mond während ihrer Beobachtungen am
Refraktor Beers auf 104 etwa 20x28cm² messende Blätter (die
Photographie stand noch nicht zur Verfügung), die heute in der
Staatsbibliothek Berlin aufbewahrt werden. Herr Maurer kann bestätigen,
daß der Kratername Guttemberg auf Blatt VI 82 dieser Originalzeichnungen
eingetragen ist. Die Zeichnungen für den 4. Quadranten mit dem Krater
Guttemberg wurden im September 1834 abgeschlossen, sodaß die Benennung
spätestens 1834 erfolgte.
Ewen A. Whitaker kommt in seiner umfassenden Abhandlung Mapping and naming the moon: a history of lunar cartography and nomenclature (CUP 1999) zur gleichen Schlussfolgerung (s. Appendix I, S. 219).
In einem Brief teilte Dr. Whitaker darüberhinaus noch mit, daß die
heutige Schreibweise "Gutenberg" zuerst von S.A. Saunder in seinem
Katalog präziser Positionen von Mondkratern benutzt wurde. Diese
Schreibweise wurde dann 1935 von der IAU in der offiziellen Liste "Named
Lunar Formations" von Blagg/Müller übernommen.
Als einzige Referenz zu dem Britischen Amateurastronomen ergab eine
Suche im WWW:
S.A. Saunder: "A Comparison of the Features of the Earth
and the Moon" Observatory 28 (1905) 130-9