Dieses Pergament erinnert sehr an die heutigen
Wandkalender. Da Pergament rar (und teuer) war, lässt die einseitige
Beschriftung vermuten, dass es tatsächlich an einer Wand befestigt war.
Im Gegensatz zu unseren heutigen Kalendern führt es nicht jeden Tag auf,
sondern man gab dem Besitzer die nötigen Daten zur Erstellung eines
vollständigen Kalenders: So enthalten die (roten) Zeilen am Kopf z.Bsp.
die Anzahl der Wochen und Tage zwischen dem Jahresanfang (damals der 25.
Dezember) und dem Sonntag Septuagesima, dem 7. Sonntag vor Ostern. Mit dieser
Angabe lassen sich dann alle beweglichen Kirchenfeste vom Aschermittwoch
über Ostern bis Pfingsten berechnen.
Der Hauptteil des Kalenders gibt die Neumond-Zeiten auf die Minute in
Gedichtform. Die Menschen des Mittelalters (und nicht nur sie) glaubten, dass
der Mond als der Erde nächststehender "Planet" den
größten
(astrologischen) Einfluss auf die Natur und ihr Leben hat. Die genaue
Kenntnis der Mondphasen war daher von höchster Wichtigkeit, deshalb auch
die Zeitangabe auf die Minute. Diese Zeiten wurden meist für einen vollen
"Metonischen Zyklus" von 19 Jahren (deshalb auch die Angabe der
Stellung im laufenden Metonischen Zyklus, die "Goldene Zahl" [
guldin zale], in den (roten) Kopfzeilen) vorausberechnet durch
fortwährende Addition des "mittleren synodischen Monats"
(Lunation) von 29 Tagen 12 Stunden und 44 Minuten (heutiger Wert plus
2,9 Sekunden), wobei die wirklichen Zeiten davon aber mehr oder weniger
abgewichen sind, da der wechselnde Einfluss der Planeten erst sehr viel
später berechnet werden konnte. (Ganz zu schweigen von
den Unzulänglichkeiten des Julianischen Kalenders, die erst 1582 von
Gregor XIII korrigiert wurden!)