Einen Eindruck von den im Mittelalter weit verbreiteten Almanachen (oft auch Aderlasskalender genannt) gibt der 1491 in Mainz gedruckte
Quelle: Cornelia Schneider, "Mainzer Drucker - Drucken in
Mainz (II)"
Ausstellungskatalog Gutenberg, aventur und Kunst,
Mainz 2000
Abbildung Seite 229; Erläuterung Seite 395
Für den "Webmaster" als Kernphysiker (von der Ausbildung her)
und Astronom (als Hobby) ist das Gebiet der medizinischen Astrologie, zu dem
man diese Almanache rechnen muss, recht fremd (auch da die Beschäftigung
mit diesen Themen "verpönt" ist). Web-Suchmaschinen geben zu
diesen
Themen zwar eine Unzahl von Links, doch wie darin seriöse Informationen
finden? Eine kleine Nachhilfestunde von medizin-historisch interessierten
Lesern wäre daher wünschenswert!
Mit die am häufigsten verordnete Kur mittelalterlicher Ärzte war
der Aderlass, selbst Gesunde sollten sich mindestens vier mal pro Jahr dieser
Behandlung unterziehen. Die
Humoralpathologie (humores Temperamente) erklärte nach Galen
von Pergamon, der die Viersäftelehre des Hippokrates weiterentwickelt
hatte, Krankheiten als schlechte Mischung oder Stauung der
Körpersäfte, die durch das Aderlassen aufgehoben werden sollten.
Dabei bestimmte die Stellung des Mondes im Zodiak die
günstigsten Tage. (So wie der Mond die Gezeiten bewirkt sollte er nach
Ptolemaios "Tetrabiblos" auch den Fluss der Körpersäfte
beeinflussen.) Die meisten Kalender/Almanache enthielten daher eine Auflistung
der geeigneten Tage, weshalb sie oft kurz "Aderlasstafeln, -kalender"
genannt wurden.
Handschriftliche Aderlass-Kalender sind schon aus dem 12. Jahrhundert
überliefert und waren weit verbreitet (auch wenn nicht allzuviele auf uns
gekommen sind).
Darüberhinaus wurden im Rahmen der medizinischen Astrologie einzelnen
Körperteilen bestimmte Tierkreiszeichen zugeordnet. (Siehe z.Bsp. die
vorzügliche Illustration aus dem
Stundenbuch des Herzogs von Berry oder den Holzschnitt aus einem
Baseler Aderlasskalender von 1499.)
Der Medicus musste nun feststellen, in welchem Tierkreiszeichen sich der Mond
befand, und führte den Aderlass an dem entsprechenden Körperteil
durch.
[Allerdings ist anzumerken, dass in der Literatur auch die gegenteilige Meinung
vertreten wird.] Im oben abgebildeten Almanach nimmt diese Information den
meisten Raum ein, in jeder Zeile folgt auf einen Tag das entsprechende
Tierkreiszeichen (vierspaltig gesetzt). [Für die Bedeutung der Angaben
in den Kopfzeilen und der folgenden Auflistung der Voll- und Neumond-Zeiten
siehe
Webpage über einen Kalender für 1420.
Der interessierte Leser findet weitere Beispiele für dieses
Gedankengut in The Parkers History of Astrology Volume X: Towards the
Dark in den Abschnitten nach "American farmers in ....", in denen
neben dem Zeitpunkt für Aderlass auch Ratschläge aus den Bereichen
Veterinärmedizin, Viehzucht, Land- und Gartenbau usw. angeführt
sind.
Einen Einstieg in das Thema bieten z.Bsp. die Einträge
Astrology bzw.
Almanacs in der "Encyclopaedia Britannica", die als Beginn des
Erscheinens gedruckter Almanache das Jahr 1457 nennt (also offensichtlich
den Gutenbergschen Aderlass-Kalender meint).
Und selbstverständlich bilden Wetterprognosen einen wichtigen
Bestandteil, bedeutet al-manakh im modernen Arabisch doch
Wetter.